weltumfassende Liebe?

Ein Essay zur Beantwortung der Frage:

„Gibt es Liebe, welche die ganze Welt umfasst?“

Die einfache Antwort ist:
„Ja“, ich glaube, dass es eine solche Art der Liebe gibt.

Um eine solche Frage zu erörtern und zu erklären, wie diese Liebe aussieht sollte aber zunächst untersucht werden, was ich unter dem Begriffe Liebe verstehe.

Für mich gibt es unendlich viele verschieden Arten von Liebe. Liebe zu Tieren, Menschen und Objekten.
Allen gemeinsam ist jedoch ein Zustand der positiven Fokussierung auf ein bestimmtes Subjekt (geliebte Objekte werden meist wie Subjekte behandelt).
Positiv, weil das Geliebte immer als Ziel der eigenen Bestrebungen wahrgenommen wird, Fokussierung, weil das Subjekt ständig in die Gedanken mit einbezogen wird. Empfunden wird die Fokussierung als Zusammengehörigkeits-Gedanke; das Geliebte wird als etwas empfunden, das am eigenen Leben teilhaben soll. Damit wird Liebe primär als Gefühl wahrgenommen.
Sie kann sich angenehm warm, belebend und energiereich, aber auch beengend, zerreißend und sinnlos anfühlen oder Sinnlosigkeit suggerieren, wobei die verschiedenen Gefühle immer mit bestimmten Situationen korrelieren.

Im Verlauf dieses Textes möchte ich vier Formen der Liebe beschreiben, die in gewisser Weise aufeinander aufbauen. Dabei möchte ich den Übergang von personenbezogener zu weltumfassender Liebe erläutern, die Bedingungen für eine weltumfassende Liebe beschreiben und werde den Essay als Apell abschließen.

Ich unterschiede die flüchtige Liebe…,

Mit diesem Begriff bezeichne ich das plötzliche aber starke Interesse an einer nahezu unbekannten Person. Dieses Interesse liegt nach heutigem Verständnis in der Tatsache begründet, dass das Gehirn eines Menschen zwischen dessen 6. Und 14. Lebensjahr eine Kartei von Merkmalen sammelt und speichert, die als Determination auf einen bestimmten Körpertyp funktioniert. Das Gehirn sammelt also Merkmale zum Aussehen, Geruch, zur Stimmlage und zu Verhaltensweisen, die später den Typ Mensch bestimmen, für den wir ein vertieftes Interesse entwickeln. So ist zu erklären, dass wir innerhalb von wenigen Sekunden ein solch starkes Verlangen nach einer Person entwickeln können. Dies ist eine Form der Liebe die im Grunde wie ein Instinkt, oder eher Reflex funktioniert.

das Verliebtsein…,

Diese Art der Liebe erleben die meisten Menschen am intensivsten, einhergehend mit großer Lust und starkem Verlangen, in Form extremer Sehnsucht, nach dem geliebten Menschen bereits nach kurzer Zeit, sofern letztere nicht gemeinsam verbracht wurde.
Sie löst biochemische Reaktionen im Körper aus, die man deutlich spürt (klassisch: Kribbeln im Bauch), und messen kann.
Wissenschaftlich wird das Phänomen ansatzweise mit einem erhöhten Dopamin-Spiegel erklärt, wodurch verliebte Menschen ein Glücksgefühl empfinden, dass sich auf ihre ganze Wahrnehmung ausweitet. So werden Fehler leichter akzeptiert und weniger Energie darauf verwendet aus Situationen des Scheiterns zu lernen. Letzteres wird über einen erhöhten Dopamin-Spiegel hinaus auch mit einer (in Experimenten häufig beobachteten) geringeren Aktivität des präfrontalen Kortex bei verliebten Personen erklärt.
Gleichzeitig bringt diese extreme Liebe auch einige unangenehme Gefühle mit sich. So empfindet man als frisch verliebter Mensch Eifersucht intensiver, was ebenfalls mit dem Zurückgehen der Aktivität des präfrontalen Kortex zu erklären ist, wodurch es schwieriger ist logisches Verständnis für Zusammenhänge aufzubringen.
Dazu kommt, dass verliebte Menschen häufig gestresst sind wenn sie ihrem Partner begegnen. Dies führe ich auf den Versuch zurück, dem geliebten Menschen unter allen Umständen zu gefallen und möglichst dessen Interessen zu entsprechen. Dies kann körperlich sehr anstrengend sein, wird aber meist nicht wahrgenommen, weil das Glücksgefühl überwiegt.

die echte Liebe…,

ist das Gefühl, das sich nach längerer Zeit mit einem geliebten Menschen einstellt. Nun wird das Gefühl nicht mehr von Lust und Sehnsucht dominiert, sondern eher von einer tiefen Ruhe und Lockerheit die sich auf alle Bereiche des Lebens ausdehnt. In erster Linie weil die Partner wissen, wie gut sie einander kennen und dass sie sich so akzeptieren wie sie zurzeit leben.
Aber auch, weil sie sich nun so sehr aneinander Angepasst haben, in Geschmacksfragen (Musik, Mode, körperlicher Aktivität) aber auch im Gespräch (Argumentation) und im eigenen Freundeskreis, dass Eifersucht als Phänomen nur noch selten auftritt.
Diese Liebe ist zurückhaltender aber gleichzeitig konstanter und sie vermittelt die Erkenntnis, dass sich dieses Gefühl auf andere Bereiche des Lebens ausweiten lässt.
So kann liebe für gemeinsame Interessen und Tätigkeiten entwickelt werden.
Und auch für weitere Menschen kann man in diesem Zustand Liebe empfinden. Dies ist möglich, weil dann die Gefühle für die zwei verschieden Menschen auf verschiedenen Ebenen empfunden und gelebt werden.
Auf der einen Seite das vertrauen, die psychisch „tief“ empfundene Liebe zum langjährigen Partner und auf der anderen Seite das eher oberflächliche Interesse an einer Person. Solange man sich nicht in die neue Person verliebt, funktioniert diese Beziehung zwischen drei Menschen. Und Verliebtheit wird meiner Erfahrung nach nicht mehr so extrem und schnell empfunden sobald man echte Liebe erlebt hat. Zum einen, weil man nicht mehr auf der Suche nach dieser Art der Liebe ist, und auch, weil man Menschen nun anders wahrnimmt, auch wenn von ihnen starke Anziehung ausgeübt wird.
Mit dieser Erkenntnis, dass Liebe nicht monopolisierend ist, habe ich gelernt eine weltumfassende Liebe zu leben.

und die allgemeine, weltumfassende Liebe

ist meinem Verständnis nach eine Liebe, die sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckt und die ganze Welt mit einbezieht. Dabei ist es mir wichtig deutlich zu machen, dass die Liebe über die ich schreibe sehr reflektiert ist.
Kinder Empfinden ebenfalls eine weltumfassende Liebe, allein schon wegen ihrem Interesse an der Umwelt und dem Endeckersinn den sie mitbringen, doch das ist nicht die Art von Liebe die ich als allgemeine, weltumfassende Liebe empfinde.
Primär ist die allgemeine weltumfassende Liebe eine Liebeserklärung an die Existenz von Leben und die Umstände die Leben ermöglichen.
Ich bin überzeugt, dass es eine solche Form der Liebe gibt, da ich sie selbst empfinde und verschiedene andere Menschen kenne die diese Behauptung ebenfalls für sich geltend machen würden.
Es ist zwar schwer sich vorzustellen, alles auf der Welt zu lieben (dazu später mehr), aber aufgrund der Konnexion aller Systeme im Universum ist es, sobald man liebe zum Leben verspürt, unmöglich einzelne Systeme von dieser Liebe ausschließen, da alles Existierende und Gewesene zu dem Leben beigetragen hat, das wir heute Leben.
Im Folgenden möchte ich die Voraussetzungen skizzieren, die meiner Meinung nach gegeben sein müssen um weltumfassende Liebe zu empfinden.
Meine These zur weltumfassenden Liebe ist folgende:
Es ist unabdingbar sich die Welt in einer bestimmten Form zu erklären (sei es religiös, sozial oder rein stofflich) um weltumfassende Liebe empfinden zu können. Denn mit einer solchen Erklärung schafft man eine Grundlage auf der man Neuem kritisch begegnen kann. Gleichzeitig muss man Neuem gegenüber immer offen sein und sich bereit erklären die eigenen Grundlagen zu erweitern oder zu verändern. Man muss bereit sein andere Perspektiven zu durchdenken.

Erklärt man sich die Welt jedoch nicht, entsteht ein erklärungsfreier Raum der schnell, unreflektiert mit einfachen Erklärungen gefüllt werden kann, oder künstlich freigehalten wird, indem alle Probleme, die das eigene Leben lediglich tangieren, ausgeblendet werden. Beides kann bei psychischer Belastung zu einer plötzlichen Überforderung mit Gefühlen der Angst und Hilflosigkeit führen, der dann eine Art Schutz in Form von präventivem Hass (resultierend aus dem Unvermögen sich in andere Perspektiven einzudenken) entgegengesetzt wird.
Ich glaube, dieser Prozess ist im Ansatz bei vielen Kindern zu beobachten, die traumatisierende Ereignisse erlebt haben. Die also etwas erlebt haben, dass ihr Verständnis überstieg und nicht in ihr Weltbild passte.
Ein Beispiel wäre ein Kind, das Tiere gerne mag und häufig mit dem alten, ruhigen Nachbarshund spielt. Dann eines Tages begegnet das Kind einem Hund auf dem Spielplatz und versucht mit ihm zu spielen. Ohne Rücksicht stürzt es sich auf den Hund und zieht an seinem Fell als dieser weglaufen möchte. Bei diesem Versuch den Hund zu halten wird es allerdings gebissen. Das Kind schreibt dem „bösen“ Hund die Schuld für den Biss zu, da es die Szene nicht reflektieren kann, geschweige denn sich in die Perspektive des Hundes zu versetzen, und daraus entsteht eine für das Kind logische Angst und möglicherweise sogar Hass gegenüber allen Hunden, denen es in näherer Zukunft begegnet.
Der Unterschied zwischen diesem Kind und einem Erwachsenen ist, dass das Kind seine Erfahrungen einfacher kognitiv „überschreiben“ kann, da es sich noch in der Entdecker-Phase des Lebens befindet. Sein Bestreben ist es die Welt in allen Einzelheiten zu erleben und neue Erfahrungen zu machen worüber es frühe Erinnerungen mit der Zeit vergisst.
Das Kind aus dem Beispiel wäre dann nach gelungenem Kontaktaufbau zu einigen anderen Tieren „unvorsichtig“ genug es noch einmal mit einem Hund zu versuchen. Nun hat es jedoch gelernt, dass eine gewisse Vorsicht und Zurückhaltung nötig ist um den Hund nicht zu verschrecken.
Und damit lernt es, dass Hunde nicht generell „böse“ sind.
Ein älterer Mensch nimmt die Welt analytischer war, kategorisiert sie also. Wenn eine ältere Person nie gelernt hat sich in andere Perspektiven einzudenken, kann dies mit der Kategorisierung als Voraussetzung zu einer Art Tunnelblick führen. Es wird nur noch Wissen aufgenommen und akzeptiert, dass den Merkmalen einer bestimmten Kategorie entspricht. Dadurch wird die eigene Weltanschauung laufend monoton bestätigt.

Um diesem Zustand zu entgehen und die Möglichkeit zu erhalten sich die Welt selbst zu erklären ohne das eigene Weltbild zu zementieren, braucht man ein geordnetes, beschütztes Leben mit vielen Freiheiten und Entdeckungen, sowie Erlebnisse, welche die Schönheit dieser Welt vermitteln. Dies sind häufig Augenblicke in der Natur, die uns erkennen lassen wie unbedeutend wir verglichen mit der Entstehung und Vielfalt unserer UmWelt sind.
Eine Kindheit mit stark traumatisierenden Ereignissen wirkt der Entwicklung langfristig entgegen, da solche Traumata ohne therapeutische Behandlung bis ins hohe Alter extreme Ängste und unreflektierte Abneigungen hervorrufen können.
Darüber hinaus brauchte ich jedoch noch viele philosophische Gespräche oder Gedanken über die Probleme und Fragen dieser Welt um diese Welt so zu lieben wie ich sie versehe und wahrnehme. Voraussetzung dafür ist natürlich ein Leben in einer Gesellschaft, einem Umfeld, das solche Gedanken erlaubt und im besten Fall fördert.
Ein Resultat solcher Gespräche und Gedanken ist die Erkenntnis, dass Zeit rückblickend nur schnell oder sehr schnell vergeht und der Zeitstrom nur in eine Richtung fließt. Damit wird deutlich, dass man lebt und stirbt und man beschäftigt sich automatisch mit den Fragen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, in welcher Weise wir als Menschen das Sein beeinflussen und was wir als Individuen für unsere Nachwelt hinterlassen.
Wenn man diese Fragen durchdenkt, erkennt man, dass in unserem Leben keine Zeit für Hass oder Gleichgültigkeit existiert.
Gleichzeitig begreift man, dass Leben auf lange Sicht immer gleichbedeutend ist mit Teilen.
Hass, Habsucht und Gleichgültigkeit sind gleichbedeutend mit Tod.
Das schlimmste Produkt von Gleichgültigkeit und Habsucht ist der Verlust von Menschlichkeit und dieser Verlust führt umgehend erst zu Elend und dann zu Tod.
Daher bin ich der Meinung, dass wir häufiger mit Gedanken dieser Art konfrontiert werden müssen. Ich glaube, dass ein Diskurs über Menschlichkeit, Ethik und Liebe langfristig jeden Menschen in dieser globalisierten Gesellschaft erreichen muss. Er muss ein Teil unserer Kultur werden, sodass bereits Kinder solche Gedanken aufnehmen und gewährleistet ist, dass sie sich später damit auseinandersetzen.
Dann wäre es möglich, dass die Menschen mehrheitlich ein Bewusstsein für den Wert von Leben entwickeln, Verständnis für die Bedingungen von Leben aufbringen und die notwendigen Begrenzungen des eigenen Lebens zur Erhaltung des Lebendigen akzeptieren. Es wird mehr Menschen geben, die das Konstrukt unserer Welt lieben, sowie die Menschen weniger werden, die auf ihr eigenes Dasein beschränkt vor sich hinleben oder sogar andere Leben ausnutzen um ihr eigenes zu verbessern.

Die letzten Sätze sind als Apell zu verstehen, Liebe und vor allem weltumfassende Liebe niemals als bedingungslose Liebe zu begreifen.
Eine weltumfassende Liebe ohne Kritik wäre naiv und (zumindest heute) unangebracht.
Ein Konzept der weltumfassenden Liebe kann nicht ohne Kritik an eben dieser Welt funktionieren, genauso wenig wie die Liebe zwischen Menschen. Liebe bedeutet in beiden Fällen, dass es möglich ist, die geliebten Subjekte trotz Kritik und Fehlern zu lieben. Setzt also voraus, dass man bereit ist, Energie aufzuwenden um Kritik zu äußern, diese zu verteidigen und an einer Lösung zu arbeiten.
Die Welt zu lieben bedeutet die Welt zum Besseren verändern zu wollen.
Eine weitere Voraussetzung für weltumfassende Liebe ist damit Aktivität.
Jede Beziehung bedeutet Kraft für den Zusammenhalt aufzubringen und zu investieren. Genauso ist es auch mit einer Liebe zur Welt, zum Leben und zum Universum. Es muss die Bereitschaft aufgebracht werden alle Systeme in Einklang bringen zu wollen oder zumindest zu ermöglichen, dass sie nebeneinander existieren.
Das Leben auf unserem Planeten ist wie Musik, gespielt von einem großen Orchester mit vielen verschiedenen Stimmen. Und der Mensch ist zurzeit der Dirigent des Orchesters. Er kann sich über eine einzelne Stimme erheben und andere Lenken. Als Dirigent müssen wir die Musik lieben. Und als Menschen lieben wir Musik vor allem dann, wenn sie harmonisch klingt (die simpelste Form von Harmonie ist ein-Klang). Einen Zustand der Harmonie können wir jedoch nur erreichen, wenn wir es schaffen die Dynamik des Orchesters aufzugreifen und innerhalb dieser Dynamik die verschiedenen Stimmen nach unseren Vorstellungen zu ordnen und zu kombinieren.
Andernfalls enden wir im Chaos, das erfolglose Orchester bricht auseinander und die Musik verklingt.
Nur eine weltumfassende … nein … universale Liebe kann auf längere Sicht Harmonie zwischen dem Lebendigen und dem Menschen schaffen!

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